ren, die tatsächlich keinen Unterschied machen, nimmt sie raus. Wir machen weiter, Doris dirigiert mich, ich stelle mich hinter die ent- sprechende Figur, sie fragt – ich ant- worte. Ziemlich fließend, aus deren Sicht. „Soll ich mich einmal an diese Position stellen?“, fragt Doris, wenn ich unsicher bin. Dann spricht sie die Person, die sie weder persönlich noch aus Erzählungen kennt. Es ist wirklich nicht ganz leicht zu beschreiben, aber es funkti- oniert. Wer sich darauf einlässt, wird es erleben. Zusammen schaffen wir eine Klarheit, die ich allein durch mein Nachdenken nicht erreichen kann. Doris Sacala ist die ganze Zeit lang an meiner Seite, geht jeden Gedanken mit, stellt die richtigen Fragen und gibt Antworten. Am Ende wird hier eine Formation stehen, die sich richtig anfühlt. DAS ist die Situation, wie sie jetzt ist. Die Antwort auf meine Frage – in einem Bild. Schritt für Schritt kommen wir voran, auch wenn ich das zwischen- zeitlich noch nicht sehe, aber irgend- wann fühlt sich fast alles richtig angeordnet an. Doris denkt nach, holt eine Schnur, die sie als (zeitliche) Trennlinie quer durch den Raum legt. Und sofort wird alles klarer. Ein paar Details noch, ich justiere meine Hauptfiguren, werfe einen Klotz raus, den ich nicht mehr brau- che ... und betrachte die Szenerie – jetzt sehr ruhig. Eine Weile noch 18 schauen wir zusammen hin. Zufrie- den, denn vor uns haben wir die Ant- wort auf die eingangs gestellte Frage. Wie es sich jetzt anfühlt? Es ist gut so. So kann ich es stehenlassen. Anstren- gend ist es auch, aber das merke ich erst als wir uns verabschieden. Zuhau- se wird das Erlebte natürlich nachwir- ken. „Am besten ist es, erstmal alles sacken zu lassen und möglichst nicht direkt darüber zu reden, um die Ein- drücke zu sortieren und für sich selbst einzuordnen“, gibt die Spielleiterin mir mit auf den Weg. Etwa eine Woche später, bei Bedarf auch früher, bietet die Therapeutin einen Termin zur Nachbesprechung an. Der ist allein schon deshalb wichtig, da die meisten Menschen Fragen haben. Ganz profane Fragen erstmal, wie „Was hat Person XY nochmal auf meine Fra- ge nach dem Ereignis Y gesagt?“. viel Neues und das Die Klienten sind so drin, im Gesche- hen und erfahren in kurzer Zeit derar- tig aus unterschiedlichen Perpektiven – da ist es gut, eine “Zeugin“ zu haben, die nicht emotional involviert ist und spä- ter die Antwort weiß auf alle Fragen, was den Verlauf der Aufstellung betrifft. Irgendwann klärt sich auch die Frage, wo vorne ist. In unserem Fall ist es der Faktor Zeit, der die Perspektive bestimmt. Die Figuren blicken in Richtung Zukunft. Hier im Raum ist das Richtung Fenster. Ein Ereignis hatte ich zunächst mitten im Raum platziert. So zentral, dass manche Figuren/ Personen einander nicht sehen können. Fast nebenbei zeigt sich hier, warum ein Problem bestehen bleibt. Das kann zuweilen simple Grün- de haben, die wir von unserer Position aus schlicht nicht sehen konnten. Mit dem Perspektivwechsel, den dieses Ver- fahren ermöglicht, schon. Es ist, wie es ist. Klingt erstmal nicht nach einer Lösung, ist aber tatsäch- lich eine ganze Menge. Klarheit und eine neue Sicht auf die Situation. Auf eine komplett neue Situation, die entstanden ist aus der Summe aller Perspektiven, die du ein- nimmst, während der Aufstellung. Zum vielleicht ersten Mal hast du einen klaren Blick auf die Situation. Und jetzt? Wieder löst sich eines mei- ner Vorurteile mit der Beantwortung der Frage in Luft auf. Es geht nämlich nicht darum, das soeben Erlebte direkt in die Tat umzusetzen. Wenn es bei der Ausgangsfrage sehr konkret um Entscheidungsfindung ging, vielleicht schon. Aber auch dann sollte man – so der klare Rat der Expertin – die Nach- besprechung abwarten. Ohnehin geht es nicht um richtig oder falsch, nicht um Schuldzuweisungen und auch nicht darum, jemand mit dei- nen neuen Einsichten zu konfrontieren. Wenn eine Person eine Situation aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, führt allein diese Erfahrung zu kleins- ten Veränderungen. Die wachsen, wir- ken sich aus und bewirken, dass etwas passiert. „Relativ schnell sogar“, so die Erfahrung der Therapeutin. Was das sein wird, weiß ich noch nicht. Dass es so sein wird, kann ich mir jetzt sehr gut vorstellen. Nikola Greitemann [Text und Fotos]